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Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit

  • AutorInnen: Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer
  • Schneider Hohengehren, 2015
  • Fachgebiet:
  • Medienbildung

Rezension:

In der Reihe „Grundlagen der Sozialen Arbeit“ haben Nadia Kutscher, Thomas Ley und Udo Seelmeyer einen umfangreichen Sammelband zum Thema Mediatisierung und Soziale Arbeit herausgebracht. Der Titel ist dabei klug gewählt, denn es werden sowohl Aspekte der Mediatisierung „in“ der Sozialen Arbeit behandelt, wie auch Themen der Mediatisierung der Sozialen Arbeit selbst. Die fast 300 Seiten des Bandes sind in vier Kapitel gegliedert und durch Einleitung und Fazit der Herausgeber sehr gut gerahmt. Diese Rahmung ist hilfreich, da die einzelnen Beiträge des Bandes zwar an passenden Stellen aufeinander verweisen, in sich jedoch abgeschlossene Artikel sind. Im ersten Kapitel werden „theoretisch-analytische Perspektiven“ der Mediatisierung
beleuchtet. Mediatisierungsphänomene finden in der Gesellschaft statt und sie haben somit unmittelbare Auswirkungen auf die Kontexte Sozialer Arbeit. Zugleich sehen sich Individuen mit „medienbasierten Subjektivierungsweisen“ konfrontiert und schließlich finden diese Prozesse in einem wohlfahrtsstaatlichen Gefüge statt, welches nicht frei von einer technischen Logik ist. So werden in diesem Kapitel die „Widersprüche der Mediatisierung Sozialer Arbeit“, die „technologische Bedingung des Sozialen Selbst“ und abschließend „Technologies of Care und wirkungsorientierte Steuerung“ dargestellt. Im zweiten und mit fünf Beiträgen umfangreichsten Kapitel des Bandes finden sich Texte zur „Mediatisierten Beratung und Unterstützung“.

Dieses Kapitel zeigt empirische Perspektiven auf die verschiedenen Kommunikationsräume, derer sich Soziale Arbeit bedient. Der Bogen reicht dabei von Interaktionen mit jugendlichen Zielgruppen („Facebook als Handlungskontext der Sozialen Arbeit“, „Virtuell-aufsuchende Arbeit in der Jugendsozialarbeit“, „Digitale Medien in der stationären Erziehungshilfe“, „Soziale Unterstützung online“) bis hin zu einer Untersuchung zur kommunikativen Funktion des Hausnotrufs für ältere Menschen als mediatisierte assistive Technologie.

Einen Blick auf „Mediatisierte Dokumentation und Diagnostik“ werfen die Beiträge im dritten Kapitel. Nach den theoretisch-analytischen Perspektiven im ersten und den empirischen Perspektiven des zweiten Kapitels werden nun die dokumentierende und diagnostische Praxis der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund der Mediatisierung dargestellt. Der erste Beitrag stellt die Frage nach dem Nutzen digitalisierter Verfahren in der Dokumentation pädagogischer Prozesse, der zweite Beitrag diskutiert mögliche Auswirkungen statistischer Risikoscreenings und deren computergestützten Anwendung (mit einem sehr interessanten Praxisbeispiel aus den USA: ein Hotline-Tool aus dem Bereich der Kindeswohlgefährdung) und schließlich stellt der dritte Beitrag dieses Kapitels die Frage, wie sich das Arbeitsfeld der Bewährungshilfe durch den verstärkten Einsatz von Softwarelösungen (als Mittel zur Qualitätssicherung) verändert.

Im letzten Kapitel dreht sich alles um „Mediatisierte Institutionen“. Die Beiträge zeigen, wie sehr sich Informationstechnologien in den Bereichen und Institutionen der Sozialen Arbeit bereits ausgebreitet haben. Oftmals als Tool zur Qualitätssicherung und Prozessoptimierung eingesetzt, bleiben die Erkenntnisse, die sich aus diesen Tools gewinnen lassen, jedoch oftmals hinter den Erwartungen zurück, aufgrund derer man sie eingesetzt hat („IT Durchdringung sozialer Organisationen – Empirische Befunde und Folgerungen für die Entwicklung von Praxis und Theorie“). Die beiden weiteren Aufsätze wenden sich dann den Aspekten der Verwaltung bzw. Verwaltbarkeit im Kontext von Arbeitsverwaltung zu („Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme – Zur Rolle von Dokumenten für die Verwaltung von Arbeitslosigkeit“, „Formulare in Aktion: Die interaktive Herstellung von Dokumenten in der Arbeitsverwaltung“).

Mit einem sehr lesenswerten Fazit bieten die HerausgeberInnen schließlich eine Art Bilanz des Bandes, die zugleich den Weg bereitet, um weitere Forschungen anzuregen. Sie systematisieren dabei die Mediatisierungsphänomene im Kontext von AdressatInnen, Organisationen und Professionellen und entfalten (aufbauend auf den Beitrag von Nadai) medien- und technikorientierte Analyseperspektiven, um schließlich noch einmal auf die Ambivalenzen mediatisierter Sozialer Arbeit im Hinblick auf die Autonomie von KlientInnen, der Prozesse der Subjektivierung und der technikbasierten Effektivitätssteigerung zu fokussieren. Empfehlung: Wer wenig Zeit zum Lesen hat, liest nach der Einleitung das sehr dichte und konzentrierte Fazit und vertieft sich dann in einzelne Kapitel des Bandes nach Interesse.

Sieht man sich die Themen der Aus- und Weiterbildung der Sozialen Arbeit in den verschiedenen Curricula und Weiterbildungsprogrammen an, so kann man nicht umhin festzustellen, dass sich das breite Spektrum der Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit erst langsam darin wiederfindet. Das überrascht, denn dieser Band zeigt eindrücklich, in welcher Breite Soziale Arbeit durch Mediatisierung bereits beeinflusst ist und wie sehr eine adäquate wissenschaftliche Forschung und Standortbestimmung notwendig ist.

Diese reichhaltige Veröffentlichung bietet einen breiten Überblick zur Mediatisierung, ist dabei sehr gut theoretisch und empirisch fundiert und kritisch dem untersuchten Gegenstand gegenüber. Gerade dadurch bietet sie auch viele spannende Anreize zur Reflexion der eigenen Praxis. Wünschenswert für die Zukunft ist,dass die hier behandelten Thematiken auch stärker in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit Eingang finden. Dieser Band kann dafür eine sehr gute Grundlage sein.

Rezensiert von Stefan Kühne, Leiter der wienXtra-jugendinfo und wienXtra-soundbase.

Zuerst erschienen in: e-beratungsjournal, Ausgabe 1/2016

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