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Soziale Arbeit als staatliche Praxis im öffentlichen Raum

  • AutorInnen: Diebäcker, Marc
  • VS Springer, 2014
  • Fachgebiet:
  • Soziale Arbeit

Rezension:

Soziale Arbeit als Praxis fällt es wohl nach wie vor schwer sich als Teil „des“ Staates und seiner Politik zu sehen, definieren sich doch gerade Praktikerinnen vielfach im Sinne der Adressaten in Form einer Haltung der Parteilichkeit gegenüber dem Staat und seinen Institutionen. Theoretische Überlegungen sind dagegen mehrheitlich davon geprägt über das Wort und eine gewisse Autonomie Sozialer Arbeit zu betonen (Soziale Arbeit und Staat und Sozialpolitik und etc.). Aus dieser Sicht stellt für so manchen vielleicht schon der Titel von Marc Diebäckers politikwissenschaftlicher Dissertation, die nun als Monographie erschienen ist, eine Provokation dar bzw. signalisiert eine andere Perspektive – Soziale Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum.

Es handelt sich bei dieser Publikation um eine sehr anspruchsvolles Lektüre, die theoretisch an Michel Foucault und die gouvernementalitätstheoretische Problematisierung Sozialer Arbeit anknüpft, sich herrschaftskritisch versteht (Anm. 1, S. 9) und empirisch die gängige Kritik an diesem Forschungsansatzes - er erschöpfe sich in Diskurs- und Programmanalyse – im Sinne einer „subjektorientierten Perspektive sozialarbeiterischer Praxis“ (S. 121) zu überwinden sucht. Im Hintergrund dieses an Foucault orientierten Denkens fungiert ein Metadiskurs, der anti-essentialistisch, antisubstanziell und anti-institutionell argumentiert. Sowohl Staat, als auch zentrale Begriffe wie Macht, Raum und politische Technologien werden nicht statisch, sondern dynamisch-veränderlich, „vernetzt“, „verflüssigt“ und vor allem relational gefasst. Nicht zuletzt, wenn Foucaults Sprache am Ende etwas „milder“ wurde, werden soziale Verhältnisse als strategische Felder, Kampf-, Konflikt- und Kräfteverhältnisse zwischen Regierenden und Regierten interpretiert. Der Fokus liegt dabei nicht wie häufig auf „Sozialpolitik“ sondern auf ordnungs- und sicherheitspolitischen Aspekten des Regierens. Wer mit diesem Denken und den damit verbundenen Begrifflichkeiten nicht vertraut ist, und das dürfte für viele Praktikerinnen gelten, dem empfiehlt es sich, mit dem leichter zu lesenden und aufschlussreichen empirischen Teilen der Monographie die Lektüre zu beginnen. Aus diesen Ausführungen erschließt sich in der Folge das theoretische Rahmenwerk vermutlich leichter.

Die theoretischen Reflexionen der Kapitel 1 bis 4 beziehen sich auf die Thematisierung politikwissenschaftlicher und staatstheoretischer Reflexionen Sozialer Arbeit und deren Defizite, auf Debatten zur Fassung von Sozialraum und Sozialraumorientierung sowie das Verhältnis von Raum und Staat. Damit verknüpft wird eine Theoretisierung des Wandels von Staat und Gesellschaft im Zeichen von Neoliberalismus und Postfordismus mit ihren Auswirkungen auf Sicherheits- und Ordnungspolitiken im städtischen Raum und in der Folge für Soziale Arbeit als Praxis im städtischen Raum. Diese dichten und aufschlussreichen Reflexionen über Staatstheorien und Sozialraum zeichnen zunächst die Entwicklung von Staatstheorien (vor allem auch unter materialistischer und poststrukturalistischer Perspektive) nach und formulieren eine Kritik an herkömmlichen Konzepten der Sozialraumorientierung, die dem Autor weiterhin, von Ausnahmen abgesehen, zu sehr dem physisch-territorialen Raum verhaftet erscheinen.

In den darauf folgenden Analysen veranschaulicht Diebäcker aus einer globaleren, makropolitischen Perspektive die Veränderungen in den politischen Strategien von Großstädten im Rahmen des internationalen Wettbewerbs. Dabei sieht er im Übergang sozialpolitischer Strategien von welfare zu work- und prisonfare und der zunehmenden Relevanz und Thematisierung von Sicherheit eine Neupositionierung von Sicherheits- und  Ordnungspolitiken im städtischen Raum. Das davon Soziale Arbeit, im Speziellem aufsuchende Soziale Arbeit, die im öffentlichen Raum agiert nicht unbetroffen bleibt, wird nachvollziehbar argumentiert. 

Das theoretische Kernstück der Monographie bildet jedoch Kapitel 5, wo Diebäcker versucht, Staat und Raum in Anschluss an Michel Foucault zu denken und „eine eigene Leseart einer Foucault´schen Konzeption des Staates als Praxis vorzustellen“ (S. 68). Diesem Ansinnen entsprechend bezieht er sich methodisch in der „Exegese“ zunächst immer auf Foucault´sche Primärtexte und erst in weiterer Folge auf Sekundärliteratur. Er folgt dabei in einem ersten Schritt, der inzwischen weitgehend anerkannten Leseart des Foucault´schen Denkens nach den Achsen Wissen, Macht und Subjekt, nimmt dann aus politikwissenschaftlicher Perspektive nachvollziehbar, eine Verschiebung in Richtung Wissen, Macht und Strategie vor, um den Staat als Praxis zu theoretisieren.

Diese Theorieentscheidung hat jedoch aus Sicht des Rezensenten Konsequenzen für die angestrebte subjekttheoretische Ausrichtung in theoretischer Hinsicht. Zwar wird im Text die Subjektdimension unübersehbar immer wieder eingebracht jedoch nicht als eigener Punkt und so präzise ausgearbeitet wie andere zentrale Begrifflichkeiten. Vorzugsweise ist von der „(identitären) Anrufung“ des Subjekts die Rede, eine Terminologie bzw. ein Konzept das nicht auf Foucault zurückgeht, sondern auf seinen Lehrer Louis Althusser und weiterentwickelt mit Bezug auf Foucault, Althusser und Psychoanalyse bei Judith Butler zu finden ist. Es wird auch mit dem späten Foucault Macht in einer notwendigen Relation zu Freiheit und Widerstand gesetzt und ausdrücklich festgestellt, dass das Subjekt „nicht im Sinne einer anrufenden Verfügung >durchsubjektiviert<“ (S. 71) vorgestellt werden kann. Eine Ausnahme bildet Kapitel 5.3., wo der empirische Forschungsansatz dargestellt wird und die Kategorie Subjekt am stärksten und zusammenhängend thematisiert wird. Dort heißt es etwa bezogen auf subjektbezogene Praktiken, sie seien als „die ineinandergreifenden komplexen Prozesse von Fühlen, Empfinden, Wahrnehmen, Denken, Urteilen, Handeln und Verhalten“ (S. 121) zu verstehen. Damit wird zwar so etwas wie Psyche oder „Innerlichkeit“ (die  Foucault gerade bekämpfte) in ihrem Verhältnis zu Handeln und Verhalten in Anschlag gebracht, dennoch bleibt damit zu den Themen Subjekt und Subjektivierung in ihrer Relation zu Wissen und Macht noch vieles ungesagt. Unterthematisiert und – theoretisiert bleibt, wie des Öfteren in der Perspektive der Gouvernementalität, eine explizite „Subjekttheorie“, deren Notwendigkeit wohl manche gramatische Foucaultexegese, entgegen der Weiterentwicklungen im Denken Foucaults selbst in Frage stellen würde, wozu Diebäcker nicht zu zählen ist, der im letzten Absatz seiner Arbeit festhält: „Auch weiterhin schreibe ich insbesondere den späten Schriften Foucaults (..) wesentliches Potential für die Konzeptionalisierung staatlicher Praxis zu,um Verbindungen zwischen Macht und Praxis aus einer subjekttheoretischen Perspektive zu vertiefen.“ (S. 256) Dem ist nichts hinzu zu fügen.

Von dieser Thematik abgesehen entwickelt Diebäcker in seiner sehr komplexen Analyse und Interpretation, Nahe an Foucaults Denken argumentierend und es doch überschreitend, entlang der Achsen Wissen, Macht und Strategie eine Konzeptionalisierung von Staat als „Praxis“, wobei Praxis hier selbstredend nicht handlungstheoretisch zu verstehen ist. Es können im Folgenden nur zentrale Stränge der Argumentation und die Vorschläge Diebäckers zur Erweiterung und Neuinterpretation einiger Aspekte der Denkbewegungen Foucaults in Ansätzen dargestellt werden. Zunächst ersetzt Diebäcker den Begriff der Gouvernementalität durch den der „staatlichen Praxis“ (S. 21). Mittels der Begrifflichkeit der Strategie, die Diebäcker für Foucaults Verständnis des Staates, neben Wissen und Macht zentral, jedoch in der Foucaultrezeption vernachlässigt sieht, wird Staat mit Foucault als „Verdichtung sozialer Verhältnisse“ (S. 72) verstanden. Eine wesentliche Rolle spielen politische Technologien als Verfahrensweisen der Macht, d.h. Disziplinarmacht und juridische Macht verbunden durch Sicherheitstechnologien. Über „Führung“ im Sinne der Pastoralmacht, die Diebäcker Foucault erweiternd auf alle drei Verfahrensweisen der Macht beziehbar sieht (?), entfaltet der moderne Staat eine „Gesamtökonomie der Macht“ (S. 82), in der individualisierende Techniken und totalisierende Verfahren die mikrophysikalischen und makrophysikalischen Formen von Macht miteinander verbindet. Staatliche Praxis wird weiters „als ein vielfältiges und auch widersprüchliches Grenzziehungsensemble“ (S. 87) verstanden, in dem das Thema Normalität und Abweichung über das Sicherheitsdispositiv verhandelt wird. Das Sicherheitsdispositiv und damit die Spannung von Freiheit und Sicherheit, die das Verhältnis von Bevölkerung und Regierung im modernen liberalen Staat prägt, sieht Diebäcker mit Foucault als ein „zentrales strategisches Feld an, in dem politische Rationalitäten verhandelt und politische Interventionen gesetzt werden“ (S. 76), gerade auch was das Thema Raum betrifft. Soziale Arbeit kann nicht jenseits dieser staatlichen Praxen angesiedelt werden sondern ist vielmehr als „Teil bzw. eine spezifische Form staatlicher Praxis“ (S. 90) zu begreifen. Sie kann jedoch nicht auf ihren „Zurichtungseffekt“ reduziert werden sondern ist selbst „ein umkämpftes Feld staatlicher Praxis“ (ebd.). Praktisch ist sie im „Verhältnis von Fremd- und Selbstregierung“ sowohl als Normalisierungspraxis als auch als „Fremd- und Selbstführung im Sinne von Überzeugung und Zustimmung zu denken“ (S. 92). Diebäcker geht es jedoch, wie erwähnt nicht nur darum Staat und Soziale Arbeit, sondern Staat, Raum und Soziale Arbeit aus Foucault´scher Perspektive zusammen zu denken.

Die Raumkonzeption(en) Foucaults werden laut Diebäcker, trotz der Verstreutheit der Äußerungen dazu, zu Unrecht vernachlässigt. Raum wird mit Foucault ebenfalls relational gefasst, und das zweifach. Einerseits als physikalisch-territorialer Raum zu  anderen materiellen Räumen und andererseits als Relation zum gesellschaftlichpolitischen Raum, der immer auch ein normativ besetzter Raum ist. Diebäcker argumentiert „dass das Zusammenspiel der Politischen Technologien (...) als eine Gesamtökonomie der Macht im Raum zu verstehen ist, mit der Ordnung im Raum gesteuert und durchgesetzt werden kann“ (S. 106). Die moderne Stadt kann mit Foucault als Ganzes und als „Mosaik kleinräumiger städtischer Territorien reflektiert“ (S. 107) werden samt den damit verbundenen Grenzziehungen. Städte steuern und stabilisieren ihre räumliche Ordnung, indem sie Strategien der Kontrolle der Zirkulation von Bevölkerungen und Einzelnen anwenden, gleichzeitig werden (öffentliche) Räume durch Praktiken von Subjekten mitkonstruiert gesehen und als grundsätzlich umkämpft, ausschließend und exklusiv bestimmt (vgl. S. 113). Diebäcker erweitert die Foucault´sche Perspektive auf Raum um „räumliche Maßstabsebenen“ aus dem Theorieumfeld der politics of scale, worauf hier nicht näher eingegangen werden kann (vgl. S. 114). Wesentlich erscheint jedoch in Bezug auf Raum die Einbettung Sozialer Arbeit in den städtischen Raum, die nicht nur über die Politische Technologie der Disziplinarmacht, als „Macht der Nähe“ sondern ebenso über die juridische Macht und Sicherheitstechnologien bestimmt ist und in ihrem Verhältnis und Wechselwirkungen zu anderen „raumbezogenen Praxisformen und Machttechniken“ (S. 116), etwa Polizei und privaten Sicherheitsdiensten gesehen werden muss. Wie zeigt sich nun „Soziale 4 Arbeit als staatliche und raumrelationale Praxis“ (S. 5) konzipiert, in der Realität konkreter Sozialer Arbeit „vor Ort“. Dazu legt Diebäcker neben seinen anregenden theoretischen Überlegungen auch eine empirische „Anwendung“ am Beispiel aufsuchender Sozialer Arbeit des Projekts SAM (sozial, sicher, aktiv, mobil), am Bahnhof Wien Praterstern vor. Diese umfasst sowohl eine Diskursanalyse von Diskussionen im Wiener Gemeinderat als auch von medialer Berichterstattungen zum Praterstern, ergänzt durch die Erforschung der Praxis der Sozialarbeiterinnen des Projekts SAM mittels qualitativer Zugänge. Auf diesen letztgenannten Aspekt der empirischen Untersuchungen soll abschließend noch ein Blick geworfen werden. Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Diskursanalysen und die Ergebnisse der qualitativen Forschung in einem stimmigen Zusammenhang zu den theoretischen Überlegungen stehen. Schon allein die Zielsetzung von SAM, die neben der objektiven Sicherheit das „subjektive Sicherheitsgefühl für die BürgerInnen zu erhöhen“ im Fokus hat darf im Sinne des Sicherheitsdispositivs gedeutet werden. Insofern sich die vielfältigen Beziehungsverhältnisse zwischen Klientinnen und anderen Nutzern „als überraschend wenig konflikthaft“ (S. 199) darstellen, kann die Präsenz Sozialer Arbeit, angesichts einer relativ kleinen Kerngruppe (20 – 60 Personen) problematisierter Subjekte, wohl auch als ein Akt symbolischer Politik interpretiert werden. Entgegen dem zweifelhaften Ansatz der „Allparteilichkeit“, in dem Machtrelationen zwischen Nutzerinnen verschleiert werden, bezieht sich die Praxis der Sozialarbeiterinnen doch vor allem auf das abweichende, marginalisierte Segment von Nutzerinnen, mit schwierigen, mehrfach belasteten Lebenslagen. Durch Aufwertungsmaßnahmen vorangegangener Jahre zeigt sich der Praterstern „als heterogener und polarisierter Raum, indem die Devianz der Adressat_innen stärker als früher problematisiert wird“ (S. 191). Die Sozialarbeiterinnen, in der teilweisen Position „der überwachten Überwacher“ (Foucault) sind in ihrem allparteilichen Auftrag nicht nur in normierende, kontrollierende Praxen eingebunden sondern mit einer Vielzahl unterschiedlicher Erwartungen (Passantinnen, Anrainer, Geschäftstreibende, ÖBB, Polizei, private Sicherheitsdienste, etc.) konfrontiert, die sich „im Sinne eines multiplen und diffusen Auftragsmandats verdichten“ (S. 210). Die persönliche/fachliche normative Positionierung und Orientierung an unterstützenden Maßnahmen und Interventionen der Sozialarbeiter kollidiert zum Teil mit diesen Erwartungen, zum Teil ist ihre eigene Praxis normierend und den Raum kontrollierend und regulierend einzuschätzen. Abschließend kann die vorliegende Monographie als Aufforderung zur kritischen Selbstreflexion für diejenigen im sozialen Bereich Tätigen gelesen werden, die weiterhin der Auffassung sind, der Staat sei irgendwo „da draußen“ und Soziale Arbeit lasse sich auf helfende Beziehungen reduzieren. Theoretikerinnen mögen einwenden, dass hier wieder einmal alles auf reduziert werde, aber kann man Soziale Arbeit mit Foucault außerhalb von Wissen/Macht denken und ist das die Wahrheit über Staat, Raum und Soziale Arbeit oder einfach eine notwendige und erhellende Perspektive zum  Weiterdenken und Weiterforschen? Die Antwort darauf obliegt den hoffentlich zahlreichen Leserinnen dieses Buchs.

 

Mag. Dr. Alexander Brunner, FH Campus Wien BA Soziale Arbeit

(Original erschienen in: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau (SLR), Heft 70/2015 S. 109-112

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